Kann Social Media der Gesellschaft dienen?Nutzen und Einfluss auf die offene Gesellschaft durch Soziale Netzwerke

Im Rahmen der Ringvorlesung Open Technology for an Open Society hielt Hanna Krasnova – Professorin an der Universität Potsdam und Private Investigator am neugegründeten Weizenbaum-Institut – ihre Vorlesung zum Thema „Social Media: the Bright, the Dark and the Ugly“. Sie forscht im Bereich Social Media an einer der beliebtesten Schnittstellen zwischen Mensch und Technik. Dabei steht verstärkt die Nutzung von Facebook und den damit verbundenen Gefühlszuständen im Vordergrund ihrer Forschung.

In einer ihrer Studien [1] hat sie bei passiven Konsument_innen, also solchen die kaum eigene Beiträge teilen, nach der Facebook-Nutzung Neidgefühle, Frustration und Einsamkeit feststellen können. Solche negativen Emotionen werden der Studie zufolge durch Beiträge anderer Nutzer_innen ausgelöst, beispielsweise durch Urlaubsfotos, Sozialen Erfolg oder Glückliche Erlebnisse wie etwa Babyfotos. Doch wie können solche eigentlich positiven Beiträge vielfach zu negativen Emotionen führen? Eine Erklärung für diese Reaktionen ist in der Theorie des sozialen Vergleichs [2] von Leon Festinger zu finden. Die Grundlage dieser Theorie klingt soweit erst einmal positiv: Menschen sind motiviert, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbessern. Um sich entsprechend einschätzen zu können, werden Vergleiche herangezogen. Da, wo eine objektive Vergleichbarkeit fehlt, wird zu einem sozialen Vergleich zurückgegriffen. Nach Festingers Theorie bieten Vergleiche mit Gleichgestellten realistische Informationen über das gegenwärtige Selbst. Durch das Vergleichen mit schlechtergestellten Menschen kann das Selbstwertgefühl gesteigert werden. Wer sich dagegen mit Bessergestellten vergleicht, kann, so Festingers Einschätzung, erfahren, welche Möglichkeiten ihr oder ihm noch offen stehen. Im Fall von Sozialen Medien kann solch ein Vergleich gerade bei vorwiegend passiven Nutzer_innen allerdings zu negativen Emotionen führen. Dabei ist es nicht wichtig, dass die Person, mit der man sich vergleicht, bessergestellt ist. Vielmehr kann durch übermäßig positive und fehlende negative Beiträge anderer Nutzer_innen die eigene Wahrnehmung verzerrt werden, so dass sich der Rezipient im Vergleich eher als schlechtergestellt empfindet, auch wenn dies nicht zwingend der Wahrheit entspricht. Facebook bietet unerschöpfliche Möglichkeiten, sich mit anderen Menschen zu vergleichen und so können temporäre Nichtnutzung von Facebook und sogar Depressionen die Folge einer verzerrten Selbstwahrnehmung durch Beiträge anderer Nutzer_innen sein.

Als Festinger 1954 diese Theorie entwarf, waren das Internet und insbesondere Social Media noch lange nicht erfunden. Erst knapp ein halbes Jahrhundert später wurden Myspace (2003), Facebook (2004), Youtube (2005) und Twitter (2006) veröffentlicht. Das erste Smartphone aus Apples Hardwareschmiede folgte 2007 und feuerte den Siegeszug der Sozialen Netzwerke weiter an. Plötzlich bestand jederzeit und von überall die Möglichkeit, mit Freund_innen und Fremden zu schreiben, Erlebnisse zu teilen und Beiträge zu empfangen. Die Gesellschaft rückte scheinbar weiter zusammen. Entgrenzungsprozesse, wie die Globalisierung im Großen, aber auch das Verschwimmen von Arbeit und Privatleben bei jedem Einzelnen, wurden verstärkt vorangetrieben. Für viele Menschen ist ein Berufsleben ohne Facebook, Xing oder LinkedIn kaum noch denkbar. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde die Gesellschaft vor völlig neue Herausforderungen gestellt und gleichzeitig wurden durch Social Media neue Möglichkeiten geschaffen, um die Gesellschaft weiter zu öffnen und somit Möglichkeiten zu bieten, kritische Meinungen zu bilden und zu äußern.

Heute – knapp ein Jahrzehnt nach der Social Media Revolution – stellt sich die Frage, ob Facebook und co. für die Gesellschaft einen Mehrwert bedeuten oder ob Soziale Medien doch eine bedeutende Gefahr für eine Öffnung der Gesellschaft darstellen?

Rückblickend ins Jahr 2011 zum arabischen Frühling, findet man ein gutes Beispiel für eine Transformation hin zu einer offenen Gesellschaft, welche durch Social Media unterstützt wurde. Wie den Daten von Google-Analytics zu entnehmen ist, stieg die Nutzung der typischen Sozialen Netzwerke im arabischen und nordafrikanischen Raum zwischen 2009 und 2011 stark an. Ein zunehmendes Zusammengehörigkeitsgefühl breitete sich in der Bevölkerung aus und verhalf ihr so schlussendlich eine Revolution auszulösen. Während die staatlichen Sender in Ägypten einen leeren Tahrir-Platz in Kairo zeigten, waren auf Twitter und Facebook geteilte Bilder und Videos von großen Demonstrationen vor Ort zu sehen.

Auch wenn der arabische Frühling als gescheitert angesehen werden kann und sich die negativen Auswirkungen noch heute manifestieren, sind die Effekte von Social Media auf diese Revolution deutlich an diesem Beispiel erkennbar.

Netzpolitische Repressionen, wie das Sperren von IP-Adressen durch staatlich kontrollierte DNS-Server in dieser Zeit, zeigen, wie subtil eine Einflussnahme auf diesen gesellschaftlichen Prozess sein kann. Schon kleine Netzsperren blieben einerseits von einem Teil der Bevölkerung unbemerkt, andererseits führten sie für die meisten Nutzer_innen zu großen Schwierigkeiten die Sozialen Netzwerke zu verwenden, selbst wenn beispielsweise die Nutzung eines anderen DNS-Servers (zB. Google oder quad9) sehr einfach sein kann, um solche Netzsperren zu umgehen. Für ein repressives System ist die kritische Meinungsbildung gefährlich und wird daher bestmöglich verhindert. Umso deutlicher zeigt das Umgehen staatlich angeordneter Netzsperren im Fall des arabischen Frühlings, dass ein dringendes Bedürfnis für einen Austausch mit Gleichgesinnten bestanden hat.

twitter: @kaansezyum (21. März 2014) https://twitter.com/kaansezyum/status/446940008843206657 (Abgefragt 23. November 2017)

Wer die offene Gesellschaft definieren will, dem kommt womöglich, so wie dem Philosophen Karl Popper, Kants Aufklärungsbegriff in den Sinn.
So schreibt Popper [3]: „[Kants Werk] versucht zu zeigen,  dass sich [die] Zivilisation noch immer nicht vom Schock ihrer Geburt erholt hat – vom Schock des Übergangs aus der Stammes- oder «geschlossenen» Gesellschaftsordnung, die magischen Kräften unterworfen ist, zur «offenen» Gesellschaftsordnung, die die kritischen Fähigkeiten des Menschen in Freiheit setzt.“

Die vielfache Aufklärung jeder_s Einzelnen führt also, so die Idee, zur Aufklärung und zur Öffnung der ganzen Gesellschaft. In einer Zeit, in der die Gesellschaft viel globaler definiert werden kann, bleibt insbesondere die Aufgeklärtheit der digitalen Gesellschaft durchaus streitbar. Schaut man in Länder, die ihren Zugang zum Internet rigoros überwachen und einschränken, ist sowohl deren Aufgeklärtheit als auch Offenheit fragwürdig.

Ein Blick in andere Länder ist aber nicht immer nötig – auch hierzulande werden Netzneutralität und Meinungsfreiheit im Internet regelmäßig angegriffen. Soll das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, beschlossen in diesem Jahr, zwar arrangieren, dass hetzerische und verfassungswidrige Inhalte gelöscht werden, so sind deren Schwächen auch gleich mit verankert worden. Wie kann für eine offene, demokratische Gesellschaft sichergestellt werden, dass nur rechtswidrige Inhalte gelöscht werden, insbesondere wenn die Löschung durch Privatunternehmen und nicht durch Behörden ausgeführt wird? Ist es für eine offene Gesellschaft nicht problematisch, dass durch eine fehlende objektive Wahrnehmung aus einer kritischen Meinungsäußerung ein löschungswürdiger also angeblich verfassungswidriger Kommentar wird? Um eine ausreichende Objektivität zu gewährleisten, bräuchte es für eine Löschung stets mehrere Entscheidende. An Komplexität gewinnt das Problem dadurch noch, dass ein fälschlich gelöschter Beitrag nur durch zusätzlichen Aufwand wiederhergestellt werden kann. Es müssten sowohl alle gelöschten Kommentare als Backup gespeichert werden und sie müssten außerdem für die Öffentlichkeit zugängig sein, damit die Löschung auch nachträglich anfechtbar bleibt. Dies führt zu einem paradox wirkenden Problem. Zweck einer Löschung ist es verfassungsfeindlichen Kommentaren keine Plattform zu bieten. Sind entsprechende Beiträge aber weiterhin einsehbar und diskutierbar, ist eine Löschung praktisch unwirksam.

Kritisch werden solche Beiträge, wenn es sich, wie im Fall von Fake-News, um vermeintlich wahre Aussagen handelt. Für Nutzer_innen ist es genauso aufwändig wie für Löschende, einen Beitrag als Falschmeldung zu entlarven. Dazu benötigt es Hintergrundwissen, Recherchefähigkeiten und natürlich Zeit. Facebook und Twitter sind Marktführer im Verbreiten von Nachrichten. Fast alle Nutzer_innen empfangen täglich Nachrichten über diese Dienste. Es wird derzeit viel diskutiert, welchen Einfluss Fake-News, also Nachrichten mit zweifelhaften, falschen oder manipulativen Inhalten, auf die Wahl sowohl in den USA als auch in Deutschland zuletzt hatten. Eine britische Studie fand auf Twitter Hinweise auf eine Einflussnahme der Bundestagswahl 2017 durch Fake-News, insbesondere verbreitet durch sogenannte Social Bots. Demnach konnten 92 individuelle Accounts identifiziert werden, welche innerhalb einer 10 tägigen Messung 73.012 politische Beiträge absetzten, was auf eine Verwendung von Social Bots hindeutet. Laut der Studie stammten etwa ein Fünftel der geteilten Nachrichtenquellen aus unseriösen oder unüberprüfbaren Quellen.

Führt eine gezielte Desinformation der Gesellschaft mit Fake-News nicht zu einer Unmündigkeit und somit zurück zu einer geschlossenen Gesellschaft? Ist dies nicht ein guter Grund, um Fake-News zu verbieten?

Was heute noch Satire ist, kann morgen schon Fake-News sein. Was spontan wie eine gute Lösung klingt, kann schnell zu einem weiteren Problem führen. Die Meinungsfreiheit wird bedroht durch Verbieten, Löschen, Verschweigen. Man kann mir gerne dystopische Ansichten unterstellen, die Meinungsfreiheit ist dennoch unbestreitbar das höchste Gut in unserer Gesellschaft. Nur mit ihr kann eine offene Gesellschaft erhalten werden. Nur durch sie kann eine Gesellschaft offen sein. Jeder Angriff darauf, mag er noch so klein sein, muss vehement abgewehrt werden. Eine wirklich gute Lösung für solche umfassenden Probleme und gesellschaftlichen Phänomene wie Fake-News und Hetze kann nicht aus politischem Ehrgeiz gewonnen werden. Stattdessen kostet sie viel Arbeit und Kompromissbereitschaft. Im Gegenteil – man kann diese Probleme sogar als Chance sehen; Als Möglichkeit, an diesen Herausforderungen als Gesellschaft zu wachsen und gemeinsam im Rahmen offener Arbeitsgruppen Lösungen zu entwickeln. In wenigen Jahrzehnten wird man sagen, dass Social Media heute noch in seinen Kinderschuhen steckt und wenn eines klar ist, dann, dass Soziale Netzwerke und ihr Einfluss noch weiter wachsen werden. Soziale Netzwerke müssen von der Politik als Partizipationsort und Raum für eine offene und kritische Meinungsäußerung anerkannt werden. Sie soweit zu beschränken, dass sie nur als simples Kommunikationsmedium dienen und auf einen minimalen Verwendungszweck zu regulieren, ist genauso wenig eine Lösung, wie sie vollkommen unbeschränkt zu lassen. Dieser öffentliche Raum verdient entsprechend besonderen Schutz und Einschränkungen müssen sorgfältig bedacht sein. Um nachhaltige Lösungen zu entwickeln, kann eine Regelung wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz nur als Zwischenlösung dienen und sollte in einem offenen Diskurs überarbeitet werden.

Eine der selbstverständlichen Eigenschaften menschlicher Kommunikation sind ihre Facetten. Eine einfache Entscheidung gibt es daher selten, weder für eine Löschung eines kontroversen Kommentars noch für eine Gesetzesentscheidung und auch die Emotionen von Nutzer_innen sind bezüglich Beiträgen anderer Nutzer entsprechend vielfältig. Neben positiven Einflüssen auf die Gesellschaft, hat Social Media auch Schattenseiten. Dennoch ist ein grundlegendes Problem anscheinend das Bewahren einer Objektivität beim Bewerten von Grauzonen und nicht alles kann stets als „Bright“ oder „Dark“ angesehen werden.

 

[1] Krasnova, H., Wenninger, H., Widjaja, T., Buxmann, P. (2013) “Envy on Facebook: A Hidden Threat to Users’ Life Satisfaction?”, 11th International Conference on Wirtschaftsinformatik (WI 2013), Leipzig, Germany. Best Paper Award.

[2] Festinger, Leon (1954) „A theory of social comparison processes“. Human relations 7

[3] Popper, Karl R. (1945) Die offene Gesellschaft und ihre Feinde 1. UTB Verlag

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