Sollten Fördermittelgeber WissenschaftlerInnen die Open Access Prinzipien vorschreiben?

Im Rahmen der OT4OS Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin sprach Dr. Matthias Katerbow, Programmdirektor bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zum Thema Fördermittelvergabe in einer dynamischen, sich öffnenden Wissenschaft.

Dr. Matthias Katerbow selbst ist bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft verantwortlich für das Forschungsprogramm e-Research Technologies und beschäftigt sich hier mit der Fördermittelvergabe für wissenschaftliche Informations-Infrastrukturen [1].  Darüber hinaus beobachtet er, wie sich Software selbst und mit ihr die Forschung, für die sie bestimmt ist, in den vergangenen Jahren, im Technologiezeitalter, verändert hat. Katerbow hat zuvor als Linguist an der Universität Marburg geforscht und vereint diese Erfahrung in seinem aktuellen Berufsfeld mit einem persönlichen Interesse für IT-Themen, Nachhaltigkeit von Forschungssoftware und Open Scholarships [2]. In seinem Vortrag adressierte Dr. Katerbow die Entwicklung und Nutzung digitaler Technologien und Methoden im Forschungskontext. Besonderes Augenmerk wurde hierbei auf die dynamische Wechselwirkung zwischen den Bereichen wissenschaftliche Werkzeuge, soziale Ordnung bzw. Gesellschaft, Prinzipien der Wissenschaft und Information gelegt. Nach einer dezidierten Definition der einzelnen Bereiche ging Dr. Katerbow darauf ein, wie sich diese durch die Entwicklung der Technik und Digitalisierung verändert haben und abschließend darauf, wie sich diese Bereiche wechselseitig bedingen. Dabei berichtete Dr. Katerbow aus seinen eigenen, beruflichen Erfahrungen, gab abschließend aber auch Einblicke, wie sich die DFG zu Themen wie Open Access positioniert.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) agiert als eingetragener Verein und ist die größte Organisation zur Förderung wissenschaftlicher Projekte in Deutschland.  2016 umfasste der Förderetat 2,99 Milliarden Euro, aus dem Forschungsprojekte u.a. in Form von Einzelförderung, koordinierten Programmen, wissenschaftlichen Preisen, wissenschaftlicher Infrastruktur und internationalen Programmen finanziert wurden [3]. Mitglieder der DFG sind zu großen Teilen Universitäten und Forschungseinrichtungen von allgemeiner Bedeutung (d.h. „(…) außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, wissenschaftliche Verbände und die Akademien der Wissenschaft“) [4]. Zu den Mitgliedern zählt unter anderem auch die Freie Universität Berlin. Aus der Satzung der Forschungsgemeinschaft geht das grundsätzliche Bestreben hervor, Wissenschaft in allen Bereichen finanziell zu fördern und die Zusammenarbeit der WissenschaftlerInnen auf nationaler und internationaler Ebene zu unterstützen. Als besonders bedeutend herausgestellt wird dabei die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Wissenschaft [5]. Die Fördermittelvergabe der DFG wurde bereits mehrfach von unterschiedlichen Stellen kritisiert, da das Verfahren intransparent sei und die Universitäten, die als Mitglieder die Gremien zur Entscheidung über die Anträge bilden, großen Einfluss darauf haben, wohin die Mittel letztendlich gehen [6], [7]. Darüber hinaus wird auch Forschung, die ethisch umstrittene Tierversuche einschließt aus dem Etat gefördert, der sich fast ausschließlich aus Steuergeldern zusammensetzt [8].

Let’s talk Science – Open Science.

An dieser Stelle soll zunächst die Erörterung einiger zentraler Begriffe einen Einblick in die Thematik Open Access, Open Science und Open Scholarship geben, die in direktem Zusammenhang mit dem Vortrag von Dr. Katerbow stehen. Es soll deutlich gemacht werden, welche Auswirkungen diese Bewegungen auf das akademische Umfeld haben. Ausgehend von dieser theoretischen Basis wird argumentativ der Frage nachgegangen, ob Fördermittelgeber WissenschaftlerInnen die Open Access Prinzipien verpflichtend vorschreiben sollten.

Unter Open Access wird gemeinhin verstanden, dass (wissenschaftliche) Literatur kostenfrei und öffentlich über das Internet verfügbar sein sollte. So soll ermöglicht werden, dass sich jeder, der sich für ein wissenschaftliches Fachgebiet interessiert, mittels dieser frei zugänglichen Materialien weiterbilden und diese auch ohne Hindernis distribuieren kann. Um das zu ermöglichen muss insbesondere von einschränkenden Lizenzen oder Copyright abgesehen werden, sodass den Interessierten über die Kosten für den Internetzugang keine weiteren Kosten entstehen [10]. Gerade die entgeltfreie Distribution ist wichtig für Menschen, die andere informieren, lehren oder generelles Bewusstsein für neue Forschungsfelder gewinnen wollen. Open Access bezieht sich dabei nicht nur auf das wissenschaftliche Endergebnis, sondern auch auf Zwischenergebnisse und Daten, die für die Forschung verwendet wurden [11]. Dr. Matthias Katerbow erwähnte in seinem Vortrag, dass in seinen Augen die Verantwortung für die Open Access Publikation bei den Autoren selbst liegt, die darauf achten müssten, ihre Publikationen in entsprechenden Journals zu veröffentlichen. Im Gegensatz dazu stehen wissenschaftliche Magazine, die nur über die Bibliotheksportale der Universitäten, also für Studierende, zugänglich sind, oder wenn für den Zugang gezahlt wird. WissenschaftlerInnen vieler Fachdisziplinen sind in ihrem Feld immer noch von Indizes wie dem Hirsch-Index abhängig. Diese Indizes beruhen u.a. auf dem Publizieren in renommierten Magazinen, die oft nicht Open Access sind [12].

2003 wurde die sogenannte Berliner Erklärung mit dem Ziel verabschiedet, den Open Access Trend zu fördern. 2017 wurden trotzdem nur rund 20% aller wissenschaftlichen Artikel open-access veröffentlicht [13]. Dr. Angela Holzer von der DFG erklärte in einem Interview, dass es sich hierbei um eine langfristige Entwicklung handle, die nicht von heute auf morgen geschehe. Die Verantwortung sieht Holzer vor allem bei den Bibliotheken der Universitäten, sowie im wissenschaftlichen Verlagswesen, die ihre Geschäftsmodelle umstellen müssten. Darüber hinaus sei die Bewegung auch gesamtgesellschaftlich beeinflusst (siehe Abb. 2), es müsse also ein allgemeines Umdenken stattfinden, das noch Zeit braucht [14].

Abb. 1: Beziehung zwischen dem akademischen Forschungssystem und dem gesellschaftlichen Verständnis von Wissenschaft [15].

Open Science basiert unter anderem auf dem Open Access Gedanken und strebt danach, allen interessierten GesellschaftsteilnehmerInnen einen freien Zugang zu wissenschaftlicher Lehre zu verschaffen [16]. Dabei geht der Trend über den bloßen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen hinaus und setzt sich neben Open Access aus fünf  weiteren Grundprinzipien zusammen, wie in Abb. 2 dargestellt.  Als Open Source wird die Verwendung von quelloffener Technologie verstanden. Open Data meint die Veröffentlichung von Forschungsdaten, um wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung nachvollziehbar und die Forschungsdaten wiederverwendbar zu machen. Unter Open Access wird der (entgelt-) freie Zugang für jede/n zu wissenschaftlichen Texten und Journalen verstanden. Peer Reviews und Lehrressourcen (engl. Educational Resources) sind weitere wichtige Aspekte der Wissenschaft und bilden in einer geöffneten Form als Open Peer Reviews und Open Educational Resources die beiden letzten Prinzipien von Open Science [17], [18].

Abb. 2: Open Science – 6 Prinzipien (eigene Darstellung i.A. [19])

Während der Begriff Open Scholarships von Dr. Matthias Katerbow sehr allgemein erläutert wurde und von ihm eher als die dynamische Wechselwirkung zwischen wissenschaftlichen Prinzipien, wissenschaftlichen Tools und Gesellschaft umrissen wurde, kann dieser Begriff auch konkret im Kontext der Open Science Bewegung interpretiert werden. In diesem Sinne bedeutet dies die Förderung von solchen Projekten, die im Sinne der Open Science Bewegung geplant und durchgeführt werden [20]. Dies kann systemisch gefördert werden, indem Fördermittelgeber Open Science bzw. Open Access zur Bedingung für die Mittelvergabe machen oder neue Initiativen gründen, die Open Access WissenschaftlerInnen vorbehalten sind [21].

Argumentation

Für Fördermittelgeber wie die DFG stellt sich die Frage, wie weit sie den Open Access oder Open Science Trend proaktiv vorantreiben sollten, immerhin wird der Haushalt der DFG zu 99,9% von Bund und Ländern finanziert und und besteht damit aus öffentlichen Geldern [3].

Da also für die Projektmittelvergabe öffentliche Gelder verwendet werden, kann hier argumentiert werden, dass diese auch nur in Projekte investiert werden sollten, die den resultierenden Erkenntnisgewinn öffentlich einsehbar machen. International treten zwei Fördermittelgeber mit einem radikalen Ansatz an das Thema heran. Der Wellcome Trust (London) und der NIH aus Maryland sanktionieren Wissenschaftler, die nicht im Sinne der Open Access Prinzipien forschen, bzw. vergeben keine Gelder mehr an Projekte, die in den Forschungsanträgen keine Open Access Publikation vorsehen [21]. Darüber hinaus muss in den Anträgen bereits dargelegt werden, wie die Forschungsdaten kuratiert werden und die hierfür benötigten Ressourcen eingeplant werden. Beide Wissenschaftsfinanciers verzeichnen eine positive Reaktion auf die strikten Änderungen in dem Sinne, dass mehr Wissenschaftler für das Thema sensibilisiert werden und sich der Open Access Bewegung anschließen [21].

Im die Ringvorlesung begleitenden Seminar diskutierten Studierende die Open Access Prämisse metaphorisch anhand des ERASMUS Stipendiums. In diesem Zusammenhang wurde über die Vor- und Nachteile einer fiktiven Vorschrift debattiert, nach der Studierende, die eine ERASMUS Förderung erhalten, verpflichtend einen umfassenden, öffentlich einsehbaren Report über die Zeit im Ausland zu verfassen müssen. Dabei wurde argumentiert, dass andere Bewerber von derartigen Erfahrungsberichten profitieren. Übertragen auf den Open Science Trend bedeuten veröffentliche Daten und andere wissenschaftliche Materialien ebenfalls, dass die WissenschaftlerInnen untereinander verstärkt von ihren Ergebnissen profitieren.

Dr. Katerbow erwähnte in seinem Vortrag hingegen auch potenzielle Einwände gegen eine allumfassende Öffnung der Wissenschaft. Unter anderem nannte er das Problem der Handhabung sensibler Forschungsdaten etwa aus überschaubaren, klinischen Studien [22]. Zu diesen kleineren Studien können die Daten nicht öffentlich zugänglich gemacht werden, weil sich Rückschlüsse auf die beteiligten Personen ziehen lassen.

Dr. Katerbow wurde im Anschluss an seinen Vortrag dazu befragt, in wieweit sich die DFG selbst in der Verantwortung sieht, gerade nach der Berliner Erklärung 2003 die deutsche Wissenschaft im Sinne der Open Science Bewegung proaktiv mitzugestalten, beispielsweise durch eine ähnliche Handhabe wie der Wellcome Trust oder der NIH. Die DFG selbst hat zwar einige Initiativen gestartet, die den Open Access Trend explizit finanziell fördern, schreibt den WissenschaftlerInnen, aber in anderen Programmen grundsätzlich nicht vor, wie sie forschen sollen [23]. Dies sei, so Dr. Katerbow, eine politische Debatte. In seinem Vortrag beleuchtete Katerbow diese Problematik darüber hinaus von einem interessanten Blickwinkel: Insbesondere bei der Entwicklung von Forschungssoftware entfalte diese eigentlich nur dann ihre volle Tragweite, wenn sie als Gesamtpaket (Dokumentation, Code und Daten) öffentlich vorliegt. Allerdings werden dadurch die Wissenschaftler zunehmend zu Dienstleistern, die den Anwendern ihrer Software im Nachhinein Support bieten müssten und diese Herausforderung bzw. Verschiebung sei nicht tragbar.

Fazit

Die Diskussionsrunde der Studierenden im Seminar und der Vortrag von Dr. Matthias Katerbow machen deutlich, dass die Thematik Open Access oder Open Science nicht im luftleeren Raum existiert. Wissenschaft für sich ist, wie auch Dr. Katerbow es deutlich betont, gesellschaftlich geprägt, bzw. ein Teil der Gesellschaft. Die Problematik, die sich daraus ergibt, ist die, dass niemand so wirklich weiß, wo das Umdenken in Richtung einer offenen Wissenschaft zuerst stattfinden muss. Dadurch, so scheint es, wird die Verantwortung von einem Bereich auf den nächsten geschoben. Man könnte sagen, die Wissenschaft müsse mit gutem Beispiel voran gehen. Genauso sinnvoll scheint es zu sagen, die Gesellschaft müsse sich vorerst verändern und offener werden, um auch in der Wissenschaft der gewünschten Offenheit Raum zu geben. Wenn eine Organisation wie die DFG in ihrer Satzung allerdings manifestiert, dass sie durch ihre Förderung WissenschaftlerInnen national und international verbindet, sollte sie sich auch in der Verantwortung sehen, eine Bewegung wie den Open Science Trend, der Barrieren zwischen WissenschaftlerInnen abbaut, aktiv zu unterstützen und anzuschieben.

Im Endeffekt scheint der effektivste  Ansatz aber der zu sein, dass jede/r einzelne WissenschaftlerIn im Sinne der offenen Wissenschaft arbeiten und forschen sollte. Es gilt, sich selbst als Wissenschaftler dazu zu entscheiden, in Open Access Journals zu veröffentlichen, die Daten, den Code, alles was mit den Forschungsergebnissen zusammenhängt aufzubereiten und zugänglich zu machen. Darüber hinaus ist es auch von besonderer Bedeutung bei Kollegen das Bewusstsein für diese Thematik schaffen und so die Wissenschaft von morgen schon heute zu gestalten.

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Literatur

  1. Forschungsgemeinschaft, D. Ansprechpersonen der DFG-Geschäftsstelle. 2018; Available from: http://www.dfg.de/dfg_profil/geschaeftsstelle/struktur/personen/index.jsp?id=484851545351.
  2. OT4OS. Speaker: Dr. Matthias Katerbow. 2018; Available from: https://ot4os.imp.fu-berlin.de/cth_speaker/matthias-katerbow/.
  3. Forschungsgemeinschaft, D. Jahresbericht 2016. 2016; Available from: http://www.dfg.de/dfg_profil/aufgaben/was_ist_die_dfg/index.html.
  4. Forschungsgemeinschaft, D. Was ist die DFG? 2018; Available from: http://www.dfg.de/dfg_profil/aufgaben/was_ist_die_dfg/index.html.
  5. Forschungsgemeinschaft, D. Satzung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2014; Available from: http://www.dfg.de/dfg_profil/satzung/index.html.
  6. Reuss, R. and V. Riebele. Die freie Wissenschaft ist bedroht – Kritik an der DFG. 2011; Available from: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/kritik-an-der-dfg-die-freie-wissenschaft-ist-bedroht-11497511.html#Drucken.
  7. Horsthemke, B. Eine kurze Anleitung zum Neinsagen – Leitfaden für junge Gutachter. 2011; Available from: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/leitfaden-fuer-junge-gutachter-eine-kurze-anleitung-zum-neinsagen-a-787062.html.
  8. Forschungsgemeinschaft, D. Tierversuche in der Forschung. 2016; Available from: http://www.dfg.de/dfg_magazin/forschungspolitik/tierexperimentelle_forschung/index.html.
  9. Forschungsgemeinschaft, D. Struktur der DFG Geschäftstelle. 2018; Available from: http://www.dfg.de/dfg_profil/geschaeftsstelle/struktur/organigramm/index.jsp?id=0.
  10. Initiative, B.O.A. Read the Budapest Open Access Initiative. 2018; Available from: http://www.budapestopenaccessinitiative.org/read.
  11. open-access.net, Was bedeutet Open Access? 2018.
  12. Podcast, R. Open Science – Folge RES031. 2014; Available from: https://resonator-podcast.de/2014/res031-open-science/.
  13. Max-Planck-Gesellschaft. Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities. 2018; Available from: https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung.
  14. Heizereder, S. “Ziel ist die komplette Transformation” – Open Access. 2017; Available from: https://www.goethe.de/de/kul/bib/20935207.html.
  15. Zuccala, A., The lay person and Open Access. Annual Review of Information Science and Technology, 2009. 43(1): p. 1-62.
  16. FOSTER. Taxonomie Open Science. 2017; Available from: https://www.fosteropenscience.eu/foster-taxonomy/open-science.
  17. ASAP, O.S. 2017; Available from: http://openscienceasap.org/open-science/.
  18. Pontika, N., et al. Fostering open science to research using a taxonomy and an eLearning portal. in Proceedings of the 15th International Conference on Knowledge Technologies and Data-driven Business. 2015. ACM.
  19. Wikipedia. Open Science. 2017; Available from: https://en.wikipedia.org/wiki/Open_science.
  20. Edinburgh, T.U., Open Scholarship: Our Definition. 2018.
  21. Bobrow, M., Funders must encourage scientists to share: to realize the full potential of large data sets, researchers must agree on better ways to pass data around. Nature, 2015. 522(7555): p. 129-130.
  22. open-access.net. Datenschutz. 2018; Available from: https://open-access.net/informationen-zu-open-access/rechtsfragen/datenschutz/.
  23. Forschungsgemeinschaft, D. Open Access. 2018; Available from: http://www.dfg.de/foerderung/programme/infrastruktur/lis/open_access/index.html.

 

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