Open Education und unstetige Bildungsprozesse

Am letzen Mittwoch sprach  Nils Weichert im Rahmen der Veranstaltungsreihe Open Technology for an Open Society unter der Überschrift Open Education und Digital Citizenship. Er ist Politikwissenschaftler und Soziologe und leitet zur Zeit das Projekt „Open Educational Resources“ in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Vorher leitete er Bereich Bildung, Wissenschaft und Kultur bei Wikimedia. Der Vortrag war vollgepackt mit Inhalten, über Geschichte, Bildung und Kompetenzen. Einige überraschte, dass er nicht über Open Educational Resources  – kurz OER, Lernmaterialien, die unter einer freien Lizenz stehen – sprach, was bei dem Veranstaltungstitel naheliegend gewesen wäre.

Er begann mit einer geschichtlichen Einordnung, die einen Bogen (oder eher eine Spirale) von der Antike über das Mittelalter und die Moderne zur Postmoderne spannte. Unter anderem stellte er, mit dem Hinweis, dass das sein pädagogischer Teil des Vortrag sei, verschiedene Blickwinkel (Brillen) auf Themen der Medienbildung vor.
Anhand dieser verschiedenen Brillen könnten wir zum Beispiel beim Lesen eines Beitrags den Blickwinkel auf das Thema einordnen.
Die erste Brille ist die bildungstechnologische Brille.
Sie beschäftigt sich mit den technischen Aspekten von Medienbildung, zum Beispiel mit passender Ausstattung und Werkzeugen, wie Notebooks, Tablets oder Smartboards an Schulen.
Herr Weichert beschrieb, dass die Kultusministerkonferenz hauptsächlich diesen Blickwinkel einnähmen. (Die Kultusministerkonferenz koordiniert, so gut es geht, die länderübergreifende Bildungspolitik in Deutschland.)

Eine zweite Betrachtungsweise ist die normative Brille. Sie hat bewahrenden und warnenden Charakter.
Sie hat als Ziel das „richtige“ Handeln zu unterrichten, es aber nicht zu hinterfragen.

Die dritte ist die gesellschaftskritische Brille. Hier ist das Ziel, die Lernenden zu kritischem Denken anzuregen und zum Beispiel politische oder ökonomische Interessen in Medien wahrzunehmen. Ein Beispiel sind Hinweise, dass Apps, die kostenlos sind, ebenfalls eine Gewinnabsicht haben. Da diese nicht mit App-Verkäufen realisiert werden kann, sollte man an anderer Stelle suchen, woher der Gewinn kommen könnte.

Die letzte ist die handlungsorientierte Brille, die nicht (nur) ausstatten oder belehren will, sondern auch zum Handeln befähigen möchte. Dazu gehört selbst Medien zu erstellen.

Dann ging es um die sogenannten 21st Century Skills, Fähigkeiten, die nötig sind, um im 21. Jahrhundert gut zu leben. (Im Anschluss bei der Diskussion wurde als alternativer Begriff: „Neue Fertigkeiten“ vorgeschlagen.)
Die genaue Wiedergabe würde hier den Rahmen sprengen (und so genau sind meine Notizen an dieser Stelle auch nicht), aber der Videomitschnitt wird hoffentlich bald veröffentlicht. Genannt wurden unter anderem Kollaboration, Kommunikation, Critical Thinking und Kreativität, die auch unter dem Begriff 4K (oder Englisch 4C) zu finden sind. Der Vortrag endete mit einer Betrachtung von Digital Citizenship. Den Vortrag über ließen viele Sätze erahnen, dass das Thema eigentlich noch komplexer war und der einzelne Satz nur eine verkürzte Darstellung liefern konnte.

Wie häufiger gab es im Anschluss eine längere Diskussion. Geäußert wurden zum Beispiel Bedenken, dass die vorgestellten Konzepte schon lange existierten und nicht mit „digital“ zu tun hätten. Auch die praktische Umsetzbarkeit wurde oft angezweifelt. Herr Weichert nannte mehrere Namen und verwies unter anderem auf das Forum Bildung Digitalisierung, bei dem sich Vorreiterschulen träfen.

Nachdem wir im Rahmen des Seminar zur Ringvorlesung darüber debattiert hatten, ob Prüfungen zeitgemäß seien, war für mich sehr interressant, was er auf diese Frage zu sagen hatte. Gerade die Kompetenzen, die er unter dem Titel 21st Century Skills genannt hatte, sind schwer zu prüfen, die wenigsten sind wissensbasiert. Er stellte fest, dass Schulen momentan die Aufgabe hätten Zugangschancen zu verteilen und dazu eine Benotung nötig sei. Diese Aufgabe der Schulen abzuschaffen, käme einer Revolution gleich. Er äußerte die Hoffnung, dass als Alternative zu klassischen Bewertungen in Zukunft auch Lebenserfahrungen und vielfältigere Leistungen gewürdigt werden würden, zum Beispiel in Form eines Badgesystems.

Open Education

Den Begriff Open Education, einer der Titelbegriffe, gibt es schon eine Weile. Er bezeichnete ursprünglich eine reformpädagogische Strömung aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, die auf verschiedenen Ebenen Unterricht reformieren wollte. Beispiele sind das Abschaffen von Frontalunterricht oder eine Integration von learning by doing ins Unterrichten. Die Open Education betonte damals eine „nicht-hierarchische, demokratische
Vorgehensweise“. „Oberstes Ziel ist die Demokratisierung von Bildung im Sinne einer größeren Chancengleichheit durch bessere Möglichkeiten zur Partizipation, Kollaboration
und Artikulation. “ (3)

Inzwischen hat sich Open Education seit der Jahrtausendwende hin zu Open Educational Resources (OER) bzw. Open Educational Practices (OEP) gewandelt. Die Zugänglichkeit des Materials spielt eine größere Rolle: Das Internet kännte es nun ermöglichen, allen Menschen offenen und kostenfreien Zugang zu Materialien zu gewähren. Wie im Vortrag sammeln sich unter dem Schlagwort Open Education Antwortversuche auf die Frage nach der hilfreichsten Bildung in der aktuellen Zeit.

Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit oder Teamfähigkeit werden inzwischen auch in Rahmenlehrplänen gefordert. Da Schule in ihrer aktuellen Form nicht ohne Bewertungen auskommt, stellt sich die Frage nach der Bewertbarkeit der Soft Skills. Typische Prüfungsformen sind Klausuren bzw. Klassenarbeiten, Tests, schriftliche Arbeiten (Hausarbeiten) und mündliche Prüfungen. Wichtig ist der Erwartungshorizont, der diejenigen Ergebnisse formuliert, die korrekt sind und zum Bestehen führen.

Nicht-Bestehen ist ein unerwünschtes Ergebnis und ein Zeichen des Scheiterns. Doch viele Lernprozesse brauchen Zeit und hängen stark von den Umständen und den Lernenden ab. In einem Beispiel (4.) übernahmen in verschiedenen Projekten Schüler den Unterricht in Medienkompetenz. Ein solches Vorgehen ist handlungsorientiert (die vierte Brille), denn es ist eine Form des partizipativen Lernens. Authentizität und Selbstbestimmung der Beteiligten kann von zentraler Bedeutung sein, je nachdem wie viel Freiheit ihnen beim Unterrichten tatsächlich eingeräumt wird. Je mehr Freiheit gegeben wird, desto weniger vorhersehbar wird der Lernprozess. Unstetigkeit ist dann ein zentrales Merkmal, denn gegeben die entsprechende Freiheit, gehen die Lernenden weder den gleichen Weg noch haben sie das gleiche Ziel.

Eine Sorge ist, das die lehrenden Schüler „das Falsche“ oder zu wenig beibringen, schlecht erklären usw. Möglicherweise sehen die organisierenden Schulen einen Konflikt zwischen Ausbildungsgüte und Autonomie der ausbildenden Schülerinnen und Schüler. Auf der anderen Seite wird die Gelegenheit zur Partizipation nur halbherzig wahrgenommen und die beteiligten Schülerinnen und Schüler übernehmen unter Umständen keine Eigenverantwortung, sondern geben nur Auswendiggelerntes wieder.

Nicht nur das Schulsystem steht dieser Art der Partizipation zwiespältig entgegen, denn Scheitern gehört dazu, es gibt keine Erfolgsgarantie. Scheitern ist schlecht, ein Zeichen, dass etwas (zum Beispiel der Lehrplan?) geändert werden muss.

Man müsste, will man Partizipation der Lernenden zulassen, stattdessen Wagnis, Scheitern und Risiko in diesem Zusammenhang bejahen. Doch wie kann man solche Bildungsprozesse in Lehren und Lernumgebungen integrieren? Eine sehr freie Art zu lernen, können sogenannte Moocs bieten.

Moocs

Massive Open Online Courses sind online angebotene Lehrveranstaltungen, inzwischen meist angelehnt an Universitätskurse. Es gibt sie je nach Anbieter unter verschiedenen Bedingungen in veschiedenen Formen. Da diese Kurse online erreichbar sind, können sich mehr Lernende einschreiben als bei herkömmlichen Kursen, so nehmen an Moocs von openHPI je nach Kurs über 10 000 Interessierte teil, daher der Begriff massive.
Die Kurse sind in der Regel kostenlos, die Plattform und das Lernmateriel sind jedoch nur in Ausnahmefällen offen und bestehen aus OER und offener Kurssoftware. Die Anmeldemodalitäten variieren je nach Anbieter. Einige Universitäten bieten Moocs an, inwischen gibt es auch zahlreiche kommerzielle Anbieter. Diese finanzieren sich beispielweise über kostenpflichtige Zertifikate. Moocs wie von openHpi angeboten sind herkömmliches verschultes Lernen mit neuen Medien, E-Learning.  Sie umfassen in der Regel Zwischen- und Abschlussprüfungen, oft in Form von Multiple Choice Tests.

Es gibt allerdings noch andere Formen von Moocs, sogenannte C-Moocs. Ihr einziges Curriculum sind regelmäßig veröffentlichte Lektionen. Tests oder Prüfungen gibt es dagegen nicht, teilweise nicht mal eine Anmeldung. Sehr wichtig sind  die Vernetzungsmöglichkeiten für Teilnehmende, wie beispielweise ein Forum, ein gemeinsamer Hashtag oder ein Verlinkungstool.

 

Mit so wenigen Eckpunkten zu lernen und voranzukommen, ist ungewohnt. Die Veranstalter eines solchen Moocs empfahlen den Lernenden in vier Schritten vorzugehen.

  1. Die Lernenden sollen sich zunächst einen Überblick verschaffen und aus der Fülle des Materials Interessantes auswählen (Orientieren/Aggregate)
  2. Der nächste Schritt soll nun sein, ein Thema für sich zu erstellen und nach Anknüpfungspunkten und Verbindungen zum eigenen Alltag zu suchen.(Ordnen/Remix)
  3. Mit dem neuen geordneten Material im Hintergrund sollen Lernende nun selbst zum Thema beitragen.
    Dieser Beitrag kann verschiedene Formen haben, zum Beispiel ein Blogbeitrag oder ein Beitrag in einem sozialen Netzwerk. (Beitragen/Repurpose)
  4. Der letzte Schritt, der je nach Beitragform bereits im vorherigen Schritt integriert ist, soll das Teilen des eigenen Beitrag frei über das Netz mit den anderen Teilnehmenden sein (Teilen/Feed Forward).

Ein bekanntes Beispiel für einen C-Mooc ist der 14 Wochen dauernder Online Kurs „Connectivism and Connective Knowledge“ von Stephen Downes und George Siemens.
Der titelgebende Konnektivismus des Kurses ist eine Lerntheorie von George Siemens. Das C in C-Moocs steht ebenfalls für connectivism. Konnektivismus ist ein „Internet-Lernmodell“. Einer der wichtigsten Aspekte des Konnektivismus ist die Vernetzung über Knoten und Verbindungen als eine zentrale Metapher für das Lernen. Der Status als Lerntheorie ist allerdings umstritten.

Quellen

  1. Das aktuelle Dokument der Kultusministerkonferenz  zur Medienbildung ist hier zu finden: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_03_08_Medienbildung.pdf
  2. zu den 21st century skill und 4K: https://en.m.wikipedia.org/wiki/21st_century_skills und https://de.wikipedia.org/wiki/4K-Modell_des_Lernens
  3. Deimann, Markus: Open Education als partizipative Medienkultur? Eine bildungstheoretische Rahmung. In: Ralf Biermann, Johannes Fromme, Dan Verständig (Hrsg.): 2014. Partizipative Medienkulturen : Positionen und Untersuchungen zu veränderten Formen öffentlicher Teilhabe, Wiesbaden 2014, S. 185-206
  4. Tobias Hölterhof, Mandy Schiefner-Rohs: Partizipation durch Peer-Education: Selbstbestimmung und Unstetigkeit in schulischen (Medien-)Bildungsprozessen. In: Ralf Biermann, Johannes Fromme, Dan Verständig (Hrsg.): 2014. Partizipative Medienkulturen : Positionen und Untersuchungen zu veränderten Formen öffentlicher Teilhabe, Wiesbaden 2014, S. 283-299
  5. Herangehensweise in einem C-Mooc: http://change.mooc.ca/how.htm

 

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