Das Internet ist Tor zu einer offenen GesellschaftNetzneutralität verteidigen - Zukunft gestalten

Smartwatch, Smartphone, Tablet – Computer übernehmen peu à peu alle Bereiche unseres Alltags, ob in unseren Händen, am und im Körper, überall in unserer Umgebung oder aus der Ferne als autonome Teilnehmer des Internets. Fast kein Beruf kommt noch ohne die technischen Neuerungen der Computertechnik der letzten 10 Jahre aus, fast jeder Raum ist mit intelligenter Technik ausgestattet. Ob es das Thermostat oder das internetfähige Radio ist, der Kühlschrank oder das Auto, die Technik assimiliert unsere Umwelt fortlaufend. Je kleiner die Microcontroller, sogenannte IoT-Geräte (Abk.: Internet of Things), werden, desto mehr von ihnen können überall untergebracht werden. Sensoren, wie Temperaturfühler oder Lichtschranken, durchsetzen schon heute jedes öffentliche Gebäude, genauso wie Aktuatoren, beispielsweise Motoren in automatischen Türen oder als Unwuchtmotor im Smartphone und sie passen sich unsichtbar in das Gefüge des Lebens ein. Daten und Objekte aus der physischen Welt werden so mit digitalen Repräsentationen verknüpft. Dadurch wird sowohl ermöglicht, dass zum Beispiel Haushaltsgeräte miteinander kommunizieren, als auch über das Netzwerk auf sie zugegriffen werden kann. So werden Lagerhallen vollautomatisiert und der Kühlschrank sendet die Einkaufsliste direkt auf das Smartphone.

In dem Vortrag „Open Technologies are Key for the Success of the Internet”, beleuchtete Matthias Wählisch – Professor an der Freien Universität Berlin, im Bereich Telekommunikation und Informatik (Telematik) – den Einfluss von offenen Technologien auf das Internet und geht in diesem Zusammenhang auch auf eine brandaktuelle Entwicklung im Bereich Microcontroller und Internet ein. Im Fokus seiner Forschungsarbeiten stehen die Effizienz und Sicherheit des Internets. Insbesondere betrachtet er in seinen Projekten die Bedeutung von IoT-Geräten in Netzwerken, die mit ihrer wachsenden Anzahl an Teilnehmern in Zukunft einen essentiellen Teil der Internetkommunikation ausmachen werden. Dies können unterschiedliche Geräte für verschiedenste Einsatzgebiete sein. Für die Smart Home Automatisierung oder zur Auswertung der Vitaldaten, intelligente Sicherheitssysteme oder autonome Fahrzeuge. Allen zugrunde liegen in der Regel Einplatinencomputer, oft mit nur geringer Rechenkapazität und Bandbreite, dafür mit sehr hohen Akkulaufzeiten bis zu Jahren oder aber, beispielsweise im Smartphone, mit sehr hoher Rechenleistung und Laufzeiten von Stunden bis wenigen Tagen. Für das Jahr 2020 prognostiziert Professor Wählisch bis zu 50 Mrd. IoT-Geräte, die am Internet teilnehmen werden. Diese Mengen an internetfähigen Geräten sind, laut Wählisch, durchaus Grund zur Sorge, da der von ihnen produzierte Netzwerkverkehr einen erheblichen Teil der Internetkommunikation ausmachen wird. Das kann zu Überlastungen im Ausmaß von großen Angriffen führen, wenn nicht weiter in den Bandbreitenausbau des Internets investiert wird.

Schon heute diskutieren Politik und Industrie über einen Paradigmenwechsel im Bereich Netzneutralität, um so eine Verknappung der Bandbreite des Internet zu verlangsamen. Netzneutralität beschreibt das Motiv allen Nutzer_innen, Diensten und Geräten gleiche Mittel zu ermöglichen mit anderen Teilnehmern im Netzwerk zu kommunizieren. In seiner ursprünglichen Form waren Netzwerke deshalb derart konzipiert, dass keine Netzwerkpakete gegenüber anderen gezielt diskriminiert wurden. Dennoch muss ein Netzwerk nicht sicherstellen, dass ein Paket an seinem Ziel ankommt. In Bezug auf Internet Service Provider, (engl.: Internetdienstanbieter, Abk.: ISP) könnte man sagen, dass die Netzneutralität nicht nur ein viel diskutierter Gedanke, sondern ein viel diskutiertes Problem ist. Denn die Netzneutralität fordert, dass Provider eine gewisse Bandbreite für alle Knoten zur Verfügung stellen und Dienste nicht vorsätzlich und selektiv drosseln dürfen.

Telekom und co. investieren in den Abbau von Regulation im Internet, was sie am Breitbandausbau sparen

 Krass gegenüber steht der Netzneutralität die Netzdiskriminierung. Große ISPs fordern die Politik auf die Netzneutralität aufzuweichen und so einen Paradigmenwechsel in den Serviceleistungen zuzulassen. Wie der Name schon sagt, entspricht dabei die Netzdiskriminierung nicht mehr dem Grundgedanken alle Pakete im Netzwerk gleich zu behandeln. Die Ergebnisse daraus sind für Nutzer_innen, genauso wie für Dienstleister_innen im Internet zu spüren. Ohne Regulation sind ISPs in der Lage Anbieter_innen von Dienstleistungen zu drosseln oder gegenüber anderen Dienstleister_innen zu bevorzugen. Wollen Google und Facebook nicht zahlen, kleckern die Pakete nur noch bis zur/m Nutzer_in, die/der sich bald darauf entscheidet, zu fleißig zahlenden, schnellen Alternativen zu wechseln. Ob es gerade diese Unternehmen oder andere trifft ist dabei vollkommen belanglos, denn am schwersten haben es immer noch Newcomer auf dem Markt. Startups mit einer Internetpräsenz können sich die Forderungen der ISPs nach einer „Internetmaut“ nicht leisten und so wird ihnen der Zugang zu dem ursprünglich sehr zugänglichen Internet verschüttet.

https://de.statista.com/infografik/3553/anteil-von-glasfaseranschluessen-in-ausgewaehlten-laendern/

Glasfaserausbau Deutschland im Vergleich – Quelle: Statista / OECD

Während sich die ISPs dann auf Dienstleister_innenseite bereichern, können sie Endkund_innen neue Verträge verkaufen, durch welche diese schnelleren Zugang zu Musik, Filmen, Spielen und anderen Multimediaangeboten mit einem hohen Bandbreitenbedarf erhalten. Schneller heißt aber oft nicht mehr als die aktuell selbstverständliche Geschwindigkeit, denn an Bandbreite ist im letzten Jahrzehnt nicht annähernd so viel geschaffen worden, wie es nötig wäre. Die Netzdiskriminierung ist insofern nur eine Symptombekämpfung im Sinne größerer Internetdienstanbieter. Lösungen, so Wählisch, sind für viele gegenwärtige Probleme vorhanden, werden aber nicht in ausreichendem Maße eingesetzt. Ob nun die nachlässig geringe Netzabdeckung im deutschen Mobilfunknetz oder die sture Weigerung der Telekom endlich Glasfaser großflächig in deutschen Städten zu verlegen oder eben sicherheitsrelevante Netzwerkprotokolle einzusetzen, es fehlt den großen deutschen ISPs an Investitionswillen.

Für die/den immer fähigeren Internetnutzer_innen wird das Internet von Generation zu Generation allgegenwärtiger und – obwohl Professor Wählisch betont, dass das Internet auf offenen Technologien beruht und auch das Mitwirken an diesen für alle Menschen nahezu frei zugänglich ist – kann das Internet am heutigen Tag noch nicht als ein offenes Medium betrachtet werden. Denn es ist einfach nicht jederzeit und von überall zugänglich. Fährt man in bestimmte Bereiche des Landes, ist der Mobilfunkvertrag nichts mehr wert, ganze Gemeinden leben mit rudimentären und veralteten Netzwerkanbindungen. Ebenso ist das Internet nicht frei und kostenlos zugänglich. Geräte und Software beschränken die Nutzbarkeit, Verträge den Zugang. Selbst im freien W-LAN gibt es bei irgendwem einen kostenpflichtigen Vertrag mit einem ISP.

Im Sinne einer digitalen und gesellschaftlichen Transformation muss ein fähiger Umgang mit Computern und dem Internet zu einer Kernkompetenz in der Gesellschaft werden

1991 beschreibt Mark Weiser, Doktor der Informatik und Kommunikationswissenschaft, in seinem Essay mit dem Titel „The Computer for the 21. Century“, wie er sich den Computer der Zukunft vorstellt. Die Schlüsselidee seines Aufsatzes ist das Verschwinden der Technik in den Hintergrund. Er stellte sich vor, dass Bildschirme und Wiedergabegeräte, mobil sowie stationär, jederzeit zugänglich sind und stets solche Inhalte bereitstellen, die einer/m Nutzer_in zugeordnet sind. Sensoren in der Umgebung erkennen die Situation und aktivieren die eingebaute Technik in Gebäuden oder verwalten Kalender automatisch mittels Spracherkennung. So reagiert die Umwelt auf Nutzer_innen, um ihr/ihm umständliche Alltäglichkeiten abzunehmen.

Das Ausblenden der Technik vergleicht Weiser mit dem Verschwinden der Schriftsprache in den Hintergrund. Er führt an, dass die Schriftsprache als Verständigungsmedium keinen Mehraufwand, aber einen Nutzen darstellte, sobald sie gelernt und verinnerlicht war und in der Gesellschaft große Verbreitung fand. Diese Schriftsprache ermöglichte es auf einmal jedem Sprecher asynchron zu kommunizieren, das heißt, ohne anwesend zu sein oder sich wiederholen zu müssen, anderen Menschen etwas mitzuteilen. Durch den Buchdruck konnte so viel leichter Wissen geteilt und akquiriert werden. Heute nehmen die Allermeisten schriftliche Informationen aus ihrer Umwelt auf ohne sich überhaupt noch des Mediums bewusst zu sein.

Weiser überträgt in seinem Aufsatz diesen Prozess des Verschwindens der Schrift in den Hintergrund auf den Computer der Zukunft. Er vermutet, dass dieses Verschwinden durch eine Entkopplung von den vielfältigen Multimediageräten und der Abstraktion von digitalen Inhalten erreicht werden kann. Indem Computer zwar unseren Alltag begleiten und diesen tatkräftig unterstützen, aber der Fokus nicht mehr auf einer bewussten Interaktion liegt, können sich alltägliche Prozesse verändern und vereinfachen. Durch den intuitiven Umgang mit Computern verändert sich auch das Denken des Einzelnen. In seinem Aufsatz referenziert Weiser verschiedene philosophische Ideen, die beschreiben, wie das Denken durch das Meistern neuer Fähigkeiten geprägt wird und fasst diese zusammen:

„Erst wenn Dinge auf diese Art verschwinden, sind wir frei sie ohne nachzudenken zu verwenden und uns darüber hinaus auf neue Ziele zu fokussieren.“

Wird diese Abstraktion von Geräten und Dateien der breiten Gesellschaft als eine Art Fähigkeit zugänglich, dann führt dies unweigerlich zu einer gesellschaftlichen Transformation. Denn durch ein neu etabliertes Medium muss sich die Gesellschaft an die entsprechenden Veränderungen der Umwelt anpassen, sobald diese eminent den Alltag jeder/s Einzelnen beeinflusst.

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum solch eine Veränderung der Gesellschaft wünschenswert sein kann. Zum einen kann die Gesellschaft freier und offener werden, sie bietet den Einzelnen mehr Teilhabe, Mitsprache und Wissen. Das Internet hat mit Sozialen Medien und offenen Technologien, wie zum Beispiel Open Source und offener Verschlüsselung, schon einen großen Schritt getan, Menschen zu vernetzen. Nur durch das Internet konnte der Globalisierungsprozess den heutigen Stand erreichen, da es fast allen Menschen die Mitgestaltung unterschiedlichster Projekte und Ideen auf der ganzen Welt ermöglicht. Zum anderen kann diese gesellschaftliche Veränderung auch ein Schlüssel für gänzlich neue Technologien darstellen.

Schon heute hat die Digitalisierung und Automatisierung erheblichen Einfluss auf Alltag und Berufsleben der meisten Menschen rund um den Globus. Einerseits entfallen Aufgaben für ungelernte Arbeiter_innen, andererseits stellen damit einhergehende Technologien Herausforderungen und Chancen für Forschung, Entwicklung und Industrie dar und verbessern viele Bereiche des Lebens.

Doch selbst die modernsten Computer, Netzwerke und Technologien entsprechen bei weitem nicht Weisers Vision. Womöglich liegt das an dem sehr freien und allgegenwärtigen Charakter, den er sich in seinem Aufsatz vorstellt oder er hat sich, wie schon viele andere, etwas in der Zeit verschätzt, die solch eine Entwicklung kostet. Fest steht, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, hin zu einer neuen Technologie – die entsprechend Weisers Vision zu einem Verschwinden der Computer in den Hintergrund, einer neuen Denkweise und einem gesellschaftlichem Wandel führt – nicht allen Beteiligten bewusst zu sein scheint und teilweise durch ihre Handlungen erschwert wird.

Provider scheitern am Versuch ein modernes Problem mit konservativen Methoden zu lösen

Eine schleunige Entwicklung hin zu Weisers Vision ist nur möglich, wenn die bestehenden Technologien weitestgehend frei und zugänglich bleiben und die Wirtschaft von ihrem Monopol auf Wissen Abstand nimmt. Dies bedeutet, dass das Internet als zentrales Medium der Globalisierung und als Grundpfeiler solch einer Technologie für den weiteren Fortschritt frei und zugänglich bleiben muss und eine Einschränkung der Netzneutralität oder gar Netzsperren nur zum Stillstand führen. Denn, wenn nicht die Gesellschaft einen grundlegenden Wandel anstoßen kann und sich die/der Einzelne mehr mit DSL-Verträgen, langsamen Verbindungen und Einschränkungen der Onlineangebote beschäftigt, statt mit den Chancen, die dadurch ermöglicht werden, dann kann sich bei ihr oder ihm kein höheres Verständnis für das komplexe Medium entwickeln.

Die Netzneutralität ist ein schützenswerter Vorsatz, eine Investition in die Zukunft und ein starkes Beispiel, wie die Zukunft der Gesellschaft in der Gegenwart gestaltet werden kann. Die Gesellschaft profitiert bereits von einem spürbaren Wandel und von zukünftigen Technologien, die den Menschen Computer näher bringen werden und ihnen gleichzeitig mehr Freiheit zurückgeben. Genauso wie die Alphabetisierung in Europa nach dem Buchdruck mehrere Generationen gedauert hat, so braucht die Gesellschaft auch für das Internet eine Lernphase. Denn in ihrer Tragweite haben diese beiden Technologien meiner Überzeugung nach einen vergleichbaren Einfluss auf die Menschheit, wenn nicht sogar einen Zusammenhang, nach dem das Internet als Kommunikationsmedium eine neue technologische Evolutionsstufe antritt. Und womöglich dauert diese Lernphase entsprechend der Modularität und Komplexität des Internets noch etwas länger als wir Nutzenden erwarten würden. Zu diesem Zeitpunkt ist es daher vollkommen rückwärtsgewandt das Internet repressiven Regulationen zu unterwerfen und kontraproduktiv für eine positive Transformation der Gesellschaft.


Anmerkung der Korrektorin:

Die Frage ist aber, was diese Transformation genau bedeutet. Wohin transformiert sich unsere Gesellschaft, wenn Technik verschwindet?

Antwort des Autors:

Aufgrund meiner Recherche wurde mir klar, dass für eine gesellschaftliche Transformation ausreichend Grundlage geboten ist. Vorherzusehen wie sich diese ausprägt, liegt leider nicht in meiner Kompetenz und lässt sich meiner Erwartung nach nicht ohne breitere Studien feststellen. Ich könnte mir aber vorstellen und würde mir wünschen, dass diese neuerlangten Kernkompetenzen im Umgang mit dem Internet – welche ich nebenbei auch nicht genau definieren kann – mit erhöhten empathischen und antizipatorischen Kompetenzen einhergehen, einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben und sich ein offeneres, gemeinsameres und kollektivistischeres Gesellschaftsgefühl entwickelt. Denn einerseits wird alleine durch das Entwickeln komplexer Fähigkeiten das Gehirn geschult, wodurch der/die Einzelne im Schnitt intelligenter und empathischer werden. Andererseits ist diese neue Fähigkeit oder vielleicht auch Sammlung an Fähigkeiten, stark mit Kommunikation verknüpft und prägt so auch die Kommunikationsfähigkeit mit. Zum einen denke ich an die Kommunikation mit vielfältigen Computern und zum anderen mit Menschen, ob direkt/indirekt, asynchron/synchron, Bekannte oder Fremde. Außerdem, in Bezug auf Weisers Vision vom Ausblenden der Computer, sind diese Fähigkeiten vermutlich nicht ganz so technisch, wie es in meinem Artikel vielleicht scheint. Stattdessen, so auch Weiser, bekommt man dadurch neue Möglichkeiten mit seinen Mitmenschen zu interagieren.

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