Sollte Software grundsätzlich den vier Prinzipien freier Software folgen?

„Verwenden, verstehen, verbessern, verbreiten“ – dies sind im Kurzen die vier Prinzipien, denen freie Software folgen muss, erklärte Matthias Kirschner, Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE) in seinem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung Open Technology for an Open Society an der Freien Universität Berlin. Die FSFE wurde 2001 gegründet und bildet die europäische Schwesterorganisation der 1984 von Richard Stallman in Boston gegründeten Free Software Foundation. Realer und virtueller Raum prägen im digitalen Zeitalter gleichberechtigt nebeneinander die soziale, kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung der Menschheit. Der Stellung und Bearbeitung neuer Probleme und Fragestellungen, die dadurch entstehen, verschreibt sich die FSFE. Im Besonderen will der gemeinnützige Verein ein Bewusstsein für die Prägung und Verbreitung von freier Software im europäischen Raum bei Regierungen, Wirtschaftsorganisationen und im privaten Gebrauch schaffen  [1].

Matthias Kirschner hat schon in frühen Jahren die Notwendigkeit freier Software erkannt. Nachdem er als Jugendlicher bereits begonnen hat, sich selbstständig mit freier Software wie Linux auseinander zu setzen, hat er im Rahmen seines Politikstudiums 2004 ein Praktikum bei der FSFE absolviert und hat seither aktiv die Entwicklung des Vereins und die Verbreitung der freien Software-Bewegung begleitet. Seit 2015 ist er schließlich Präsident der FSFE [2]. Kirschner ist der Überzeugung, dass Software ein zentrales Werkzeug ist, das unsere Gesellschaft befähigt und formt. Deshalb darf Software eine demokratische Gesellschaft nicht einschränken, weder durch implementierte, technische Restriktionen noch durch eine Wissensasymmetrie [3]. Kirschner argumentierte in seinem Vortrag dafür, dass, ähnlich wie wir Gewaltenteilung für eine funktionierende Demokratie als unabdingbar sehen, Software als fundamentales Werkzeug im digitalen Zeitalter nicht nur von wenigen gestaltet und kontrolliert werden darf. Deshalb müsse Software den vier Prinzipien freier Software folgend entwickelt werden, damit sie als fundamentales Werkzeug in unserer modernen Gesellschaft funktioniert und gerecht ist.

Was genau mit diesen vier Prinzipien gemeint ist, die Software zu freier Software machen und ob alle Software als freie Software entwickelt werden sollte, damit beschäftigt sich die theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik und die anschließende Diskussion in diesem Blogbeitrag.

Einige Grundlagen: Freie Software – was ist das?

Als Ursprung freier, quelloffener Software (engl. Free Open Source Software) wird die Entwicklung des Unix Systems zwischen 1969 und 1970 von einem kleinen Team bei AT&T Bell Labs erachtet. Das Unternehmen verlor einen Rechtsstreit und musste dem Urteil folgend alle haltenden Patente offenlegen und an Wettbewerber lizensieren. Als praktischen Effekt sah das Unternehmen keinen profitablen Anreiz mehr, das Betriebssystem weiterzuentwickeln und begann es kostengünstig, ohne Garantie oder weiteren Support zu verkaufen. Als der Quellcode veröffentlicht wurde, begannen Nutzer des Systems gemeinsam Bugfixes zu beheben. Die Software wurde über die Jahre insbesondere von ehemaligen Mitarbeitern von AT&T und Nutzern aus der Wissenschaftsgemeinde (insbes. University of California, Berkley) weiterentwickelt. Dieses einzigartige Umfeld des Informationsaustauschs zwischen Experten formte eine Basis für die weitere Entwicklung von freier und quelloffener Software [4]. 1984 gründete Richard Stallman, ein US-amerikanischer Entwickler am MIT, die Free Software Foundation, um eben diesen Informationsaustausch weiter zu unterstützen, indem Experten gemeinsam freie Software entwickeln.

Bei freier Software sollen seit jeher die Freiheit und die Gemeinschaft der Nutzer respektiert werden. Die Nutzer sollen „die Freiheit haben, Software auszuführen, zu kopieren, zu verbreiten, zu untersuchen, zu ändern und zu verbessern“ [5]. Dieser Anspruch wurde in vier Prinzipien, oder vier Freiheiten formuliert, denen eine Software genügen muss, damit sie als frei bezeichnet werden kann. Die folgende Grafik verbildlicht die vier Prinzipien, wie sie von Richard Stallman formuliert wurden, in Zusammenhang mit der eingängigen Kurzfassung, die Matthias Kirschner in seinem Vortrag angeführt hat (Abb. 1):

Abb. 1: Die 4 Prinzipien freier Software (eigene Darstellung, i.A.[5])

Es gibt grundsätzlich drei Lizenzmodelle, die die vier Prinzipien freier Software unterstützen: Copyleft-Lizenzen (z.B. GNU General Public Licence), BSD-artige Lizenzen (z.B. Apache-Lizenz oder MIT-Lizenz) und die Gemeinfreiheit (z.B. CC0). Letztere ist im eigentlichen Sinne keine Lizenz, da gemeinfreies Werk besitzlos ist [6]. Die Website choosealicence.org unterstützt EntwicklerInnen von Open Source Software dabei, das richtige Lizenzmodell zu finden. Lizenzen sind wichtig, weil Software grundsätzlich durch das Urheberrecht oder entsprechende Gesetze (z.B. Copyright) geschützt ist. Die Verwendung der Software setzt die Erlaubnis des Rechteinhabers voraus [7].

Bekannte Beispiele für freie Software sind das Linux Betriebssystem oder der Webbrowser Firefox. Im Free Software Directory, das Teil des GNU Projekts ist, sind derzeit 15.995 Softwarepakete als freie Software gelistet [8].

Diskussion

In Zusammenhang mit dem Vortrag von Matthias Kirschner, der sich bei der FSFE seit Jahren für freie Software einsetzt, stellt sich die Frage, ob Software generell im Sinne der oben illustrierten vier Prinzipien frei sein sollte. Konkreter formuliert könnte die Frage auch lauten: „Sollte die Entwicklung von Software mit der Anerkennung von Software-Eigentümern verbunden sein, die ihren Gebrauch einschränken?“ [9]. In der folgenden Diskussion werden drei Aussagen plakativ in den Raum gestellt, auf die jeweils nachfolgend argumentativ eingegangen wird.

Mit freier Software lässt sich kein Geld verdienen (ökonomischer Aspekt)

Die vier Prinzipien von freier Software klingen zunächst so, als ließe sich mit einer derartigen Software kein Geld verdienen. Das führt zu dem Argument, dass in einer Gesellschaft, in der auch EntwicklerInnen ihre Rechnungen bezahlen müssen, die Entwicklung von freier Software und ein daraus resultierender Cashflow unmöglich seien. Zunächst soll an dieser Stelle noch einmal deutlich gemacht werden, dass die vier Prinzipien einer Kommerzialisierung von Software nicht im Wege stehen. Ganz im Gegenteil wird zu einem kommerziellen Vertrieb von freier Software über den Selbstkostenpreis hinaus von vielen Seiten ermutigt [10]. Freiheit im Sinne von freier Software bedeutet nicht entgeltfrei. Es ist sogar für das Gesamtkonzept freier Software sinnvoll, damit Geld zu erwirtschaften, weil nur so Mittel zur Verfügung stehen, um weitere, derartige Projekte zu ermöglichen.

Es gibt verschiedene konkrete Ansätze für Geschäftsmodelle rund um freie Software. Zu nennen sind vor allem Consulting, Support oder die Entwicklung kostenloser Software mit freien, kommerziellen Erweiterungen [11]. Software, die für wissenschaftliche Zwecke entwickelt wird, lässt sich außerdem durch Fördergelder finanzieren. Im August 2017 wurden beispielsweise vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit der Open Knowledge Foundation Deutschland rund 1,2 Millionen Euro für Innovationsprojekte im Bereich Open Source bereitgestellt [12].

Freie Software soll von bestimmten Gruppen wie bspw. dem Militär nicht verwendet werden

Freie Software kann nach den vier Prinzipien niemanden diskriminieren, also beispielsweise bestimmte Gruppen von der Verwendung über Lizenzklauseln ausschließen. Das bedeutet, dass auch Individuen oder Organisationen, die unethische oder menschenrechtsverletzende Absichten verfolgen, die Software für ihre Zwecke nutzen können. Viele EntwicklerInnen räumen daher ein, dass es sinnvoll wäre, die Lizenzen von freier Software um Nicht-Militär-Klauseln oder Nicht-Intelligence Klauseln zu erweitern, um Gruppen wie das Militär oder Geheimdienste an der Verwendung von frei entwickelter Software zu hindern [13]. Damit soll zum einen ein politisches Zeichen durch die EntwicklerInnen gesetzt werden und zum anderen eine juristische Grundlage geschaffen werden, wenn ein Verstoß gegen die Klauseln öffentlich würde.

Die freie Softwarebewegung ist eine weltweite Bewegung, die dadurch viele unterschiedliche Wertesysteme einschließt. Die Unterschiede zwischen diesen Wertesystemen würden dazu führen, dass es am Ende nicht nur bei Klauseln bleibt, sondern es zu einer Vielzahl von Beschränkungen und Verboten kommt [14]. Konkret auf die Forderung nach einer Nicht-Militär-Klausel bezogen, ist anzumerken, dass Militäreinheiten in unterschiedlichen Staaten unterschiedlichen Aufgaben nachkommen. Während sie sich in einigen Staaten vordergründig durch offensive Tätigkeitsprofile auszeichnen, erledigen Armeen anderenorts Aufgaben, die hierzulande die Feuerwehr oder das THW übernimmt. Allein diese Diskrepanz würde zu einer Vielzahl unterschiedlicher Klauseln führen.

In der Diskussionsrunde seines Vortrags illustriert Kirschner das Problem darüber hinaus mit dem Beispiel, dass für die einen EntwicklerInnen vielleicht der Nutzungsausschluss gegenüber Geheimdiensten und Militärs oberste Priorität hätte, für andere EntwicklerInnen aber zunächst alle Fleischesser von der Nutzung der frei entwickelten Software ausgeschlossen werden müssten. Es helfe nicht, über das Ausschlussprinzip alle subjektiv unerwünschten Gruppen an der Nutzung der Software zu hindern, sondern es müsse sich die Einstellung der Gesellschaft als solche ändern, Software überhaupt für unethische Zwecke einzusetzen.

Wenn ich als EntwicklerIn Arbeit in die Entwicklung der Software gesteckt habe, möchte ich auch bis zuletzt darüber entscheiden, wie und von wem sie verwendet wird (emotionaler Aspekt)

Diese Aussage kann schlecht argumentativ begegnet werden, da sie eng mit einer subjektiven Einstellung zur eigenen Leistung verbunden ist. Wenn die oberste Priorität eines Entwicklers das eigene Wohl ist, wird er oder sie sich schwerlich davon überzeugen lassen, mit ihrer oder seiner Arbeit ein höheres Ziel zu unterstützen. Ansatzweise kann die Verbildlichung der Schadhaftigkeit von closed Software hilfsweise für eine Argumentation eingesetzt werden. Zum einen verhindert nicht freie Software, dass diese von jedem Menschen genutzt werden kann. Nutzer können außerdem nicht selbstständig Fehler anpassen und diese beheben und schließlich verhindert nicht freie Software, dass andere EntwicklerInnen auf der Arbeit aufbauen können [9]. Gerade der letzte Aspekt illustriert für viele EntwicklerInnen die Problematik nicht freier Software vielleicht am ehesten: Aus der praktischen Erfahrung weiß man, wie oft man bei der Entwicklung eigener Projekte auf freie Software (z.B. Bibliotheken) zurückgreift.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass freie Software ein hohes, kulturelles Ziel unterstützt und deshalb grundsätzlich frei sein sollte. In der Mitarbeit, kommt man sich als Individuum vielleicht oft machtlos vor und der eigene Beitrag scheint wie Tropfen auf dem heißen Stein. Auch hier gilt es wieder sich gezielt zu vernetzen und Mitstreiter zu finden, die einen selbst motivieren. Wie Matthias Kirschner in der Diskussionsrunde feststellte, sind nicht Software Entwickler allein für die Rettung der Menschheit verantwortlich, noch können sie es alleine bewerkstelligen, dass die Gesellschaft im Ganzen besser wird, es keine Kriege mehr gibt und Weltfrieden herrscht. Sie können dieses Ziel aber mit der Entwicklung freier Software als einen Baustein in einem größeren Bild unterstützen.

Literatur:

[1]   FSFE. Satzung. 2013; Available from: https://fsfe.org/about/legal/Constitution.de.pdf.

[2]   FSFE, Über uns: Matthias Kirschner. 2017.

[3]   Müller-Birn, C. OTOS – Speaker – Matthias Kirschner. 2017; Available from: https://ot4os.imp.fu-berlin.de/cth_speaker/matthias-kirschner/.

[4]   Guadamuz, A., Free and open-source software. 2009.

[5]   GNU-Project. Freie Software. Was ist das? 2017; Available from: https://www.gnu.org/philosophy/free-sw.de.html.

[6]   Wikipedia, Freie Software – Lizenzen. 2017.

[7]   Choose-A-Licence. Choose A Licence: Homepage 2017; Available from: https://choosealicense.com/.

[8]   Free-Software-Directory. Free Software Directory: All. 2017; Available from: https://directory.fsf.org/wiki/Category/All.

[9]   Stallman, R., Free software, free society: Selected essays of Richard M. Stallman. 2002: Lulu. com.

[10]   Stallman, R. Freie Software verkaufen. 2009; Available from: https://www.gnu.org/philosophy/selling.de.html.

[11]   Ingersoll, G. Refactoring open source business models. 2016; Available from: https://opensource.com/business/16/4/refactoring-open-source-business-models.

[12]   Startet, D. Neue Förderung für Software-Entwickler. 2017; Available from: https://www.deutschland-startet.de/neue-foerderung-fuer-software-entwickler/.

[13]   Schröder, T. lecture: Freie Software gegen unsere Freiheit? Fighting code-abuse by military and intelligence. 2015; Available from: https://events.ccc.de/camp/2015/Fahrplan/events/7046.html.

[14]   Kirschner, M. Podcast on non-military use clause in GNU GPL. 2015; Available from: https://k7r.eu/podcast-on-non-military-use-clause-in-gnu-gpl/.

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